Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Trauer

Dieser Blog war nie politisch und wird es auch nicht werden. Statt mich mit Politik zu beschäftigen und die großen Fragen der Welt zu erörtern, schreibe ich hier über alles, was mich in meinem Alltag mit 3 Kindern beschäftigt. Aber die Ereignisse von Paris gestern Abend sind nicht nur ein Thema der Politik, sondern leider eines, das auch unseren ganz persönlichen Alltag beeinflussen wird. Denn bei mir und sicher auch bei vielen anderen Menschen irgendwo in Europa haben die Terroristen genau das Ziel erreicht, das sie verfolgten: ICH HABE ANGST.

Die „weichen Ziele“, die angegriffen wurden, eine Konzerthalle, ein Fußballstadion, ein Restaurant, besuchen wir alle mehr oder weniger regelmäßig. Und wenn es stimmt, dass selbst aus fahrenden Autos auf Passanten geschossen wurde, gilt dann die höchste Terror-Warnstufe für den gesamten öffentlichen Raum? Muss ich heute um die Sicherheit meines Mannes und meiner beiden älteren Söhne fürchten, die auf Schalke „Asa seine letzte Schicht“ feiern wollen? Gerald Asamoah hat selbst auf seiner Facebook-Seite gepostet, dass wohl niemandem zum Feiern zumute ist, das Spiel aber auch stattfinden wird, um den Terroristen zu zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Aber eingeschüchtert und verunsichert sind wir doch alle irgendwie. Die Stimme von Tom Bartels, die von Minute zu Minute leiser und nachdenklicher wurde. Die Anmoderationen von Matthias Opdenhövel, die nach dem Spiel immer wieder von neuen Horror-Meldungen unterbrochen wurden, die er von der Regie übermittelt bekam. Und allen voran Mehmet Scholl, dem der Schock buchstäblich ins Gesicht geschrieben war, der um Fassung rang, als er von dem Telefonat mit seinen Angehörigen erzählte, der mehrmals mit den Tränen kämpfte. Sie alle wähnten sich in Sicherheit und wurden aus dieser Vorstellung jäh heraus gerissen. Für sie wird ein Fußballspiel wohl nie wieder diese Unbeschwertheit haben wie vor dem gestrigen Freitag, dem 13.11.2015.

Einen großen Teil meiner einstigen Unbeschwertheit habe ich am 11. September 2001 verloren, an dem ich nach fröhlichen und erlebnisreichen 3 Wochen an der amerikanischen Westküste einen Flug von Los Angeles nach New York antreten sollte. Die restlichen 4 Tage eines Traumurlaubs wollte ich in der „City that never sleeps“ verbringen. Dass dieser Flug am Nachmittag des 11.9.2001 nicht stattfand und es noch Tage dauerte, bis der Flugverkehr wieder aufgenommen werden konnte, ist Zeitgeschichte. Meine Gefühle an diesem Tag und an den darauf folgenden Tagen und Nächten, die ich in einem Hotel mit Blick auf den Flughafen LAX verbrachte, sind wahrscheinlich vergleichbar mit denen der Fußballfans, Paris-Touristen und französischen Staatsbürger, die die Attentate von Paris vor Ort miterleben mussten: nach der Schockstarre zunächst das ganz dringende Bedürfnis, die Familie zu benachrichtigen, die befreienden Worte „Es geht mir gut, ich lebe.“ ins Telefon zu stammeln. Dann festzustellen, dass das Netz zusammen gebrochen ist. Nach quälenden Stunden endlich jemanden zu erreichen. Der Schock über das ganze Ausmaß, wenn die Nachrichten konkreter werden. Die Trauer über die vielen unschuldigen Opfer. Die Hilflosigkeit bei den Versuchen, aus diesem Land des Terrors auszureisen und endlich wieder nach Hause zu kommen. Beim Rückflug eine Woche später die schier unendliche Angst, dass wieder etwas Schlimmes passiert. Bei der Zwischenlandung in New York der fassungslose Blick auf Manhattan, wo nicht mehr die Twin Towers, sondern nur noch die Rauchsäulen am Himmel zu sehen waren und einem trotzdem noch alles wie ein schlechter Film erschien.

Keine Religion, kein Gott kann wollen, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun. Ich fühle mit den Angehörigen der Opfer und bin in tiefer Trauer vereint mit einer der schönsten Städte der Welt: JE SUIS PARIS.

Glück auf, Anna Emscher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: