Brief an die Eltern mit dem kranken Kind

Liebe Eltern,

heute Morgen habt Ihr Euer Kind im Kindergarten verabschiedet und dabei ganz geflissentlich ignoriert, dass es krank ist. Warum tut Ihr das? Kein Job der Welt, kein Projekt, keine eigentlich angedachte Planung für den Tag, kann so wichtig sein, dass ich mein krankes Kind trotz aller offensichtlichen Symptome zu Hause anziehe, mit ihm loslaufe oder es ins Auto setze und es in den Kindergarten, zur Tagesmutter oder in die Schule bringe. Die daraus resultierenden Situationen sehen so oder ähnlich aus:

  • Wir kommen morgens im Kindergarten an, im Schlepptau den 3jährigen Peter und den 3 Monate Noah im Maxi Cosi. Ein 2jähriges Kindergartenkind kommt in den Flur, um uns zu begrüßen und verteilt dabei eitriges Nasensekret (umgangssprachlich sagen wir dazu „grünen Schnodder“) an unseren beiden Kindern. Gesundheitszustand unserer Kinder: bis dahin stabil, ab diesem Zeitpunkt 2 Monate lang abwechselnd dauererkältet.
  • Jacob kommt aus der Schule und erzählt, dass sich ein Klassenkamerad schon den dritten Tag in Folge immer nach der Frühstückspause übergeben hat. Diverse Anrufe der Lehrerin bei den Eltern des Kindes wurden nicht beantwortet. Das Kind wird weiter in die Schule geschickt, nicht abgeholt und sitzt mit Mülleimer zwischen den Beinen im vollbesetzten Klassenraum, um alle anderen anzustecken. Wenn mal etwas daneben geht, verteilt die Lehrerin Katzenstreu darüber. In der folgenden Woche ist die Klassenlehrerin ebenfalls erkrankt, der Unterricht muss für einige Tage extrem ausgedünnt stattfinden, viele Stunden fallen aus, Jacob ist ständig früher zu Hause, steckt sich aber glücklicherweise nicht selbst an.
  • Als ich mit Noah in der 34. Woche schwanger war, fand im Kindergarten ein Ausflug statt, auf den sich Eltern und Kinder schon sehr lange gefreut hatten. Am Vortag stellte man bei einem Kind eine Bindehautentzündung fest. Da die Familie aber unbedingt mit zum Ausflug kommen wollte, bekam das Kind antibiotische Augentropfen und fuhr selbstverständlich mit. Anderen Eltern, die aufgrund der Ansteckungsgefahr Sorgen äußerten, wurde von den Eltern des erkrankten Kindes geraten, vorsorglich auch allen Familienmitgliedern Augentropfen zu verabreichen, dann würde sich schon niemand anstecken. Als Schwangere durfte ich diese Tropfen nicht nehmen, also fiel der Ausflug für unsere komplette Familie leider ins Wasser. Die Bindehautentzündung grassierte noch etwa 6 Wochen durch die Einrichtung, Erzieherinnen erkrankten ebenfalls und Peter steckte sich wenige Tage vor dem errechneten Entbindungstermin auch noch an. Ihn zu diesem Zeitpunkt zu Hause zu behalten und ihm gegen alle Widerstände die Augentropfen zu verabreichen, war in meinem Zustand gewiss kein Zuckerschlecken, aber aus Rücksicht auf alle anderen Kinder, Eltern und Erzieher brachte ich Peter erst wieder in den Kindergarten, als die Ansteckungsgefahr hundertprozentig gebannt war.
  • Als Jacob noch in den Kindergarten ging, gab es eine Familie, die ihr Kind grundsätzlich mit Fieber in den Kindergarten schickte. Dort gab es ja eine Kuschelecke, in der man sich zur Not ausruhen kann. Da das Kind aufgrund der Arbeitszeiten der Eltern immer schon sehr früh in der Einrichtung war und wir immer etwas später kamen, fanden wir das Kind mehrmals fiebrig schlafend auf besagter Kuschelecke vor. Abgeholt wurde es konsequent frühestens um 12:30 Uhr, wenn die Mutter Feierabend hatte.
  • Peter wurde von Oma und Opa aus dem Kindergarten abgeholt und die drei erzählen mir abends beim Heimkommen, dass die Erzieherin ihnen geraten hat, nicht ins Badezimmer zu gehen, da sich dort gerade zuvor ein Kind übergeben hatte. Ein anderes Kind fällt seit Tagen nach einem angeblich überstandenen Magen-Darm-Infekt durch sehr säuerlich riechenden Stuhlgang auf, wird aber ebenfalls jeden Tag von 8 bis 16 Uhr den Erzieherinnen überlassen.

Merkt Ihr was, liebe Eltern? Ihr verpasst vielleicht den einen oder anderen Termin, während Ihr Euer krankes Kind zu Hause betreut, aber Ihr gewinnt damit so viel. In allererster Linie: Das Vertrauen Eures Kindes. Denn mal ehrlich, wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn Ihr in einem desolaten gesundheitlichen Zustand aus dem Haus müsstet? Da möchte man doch eigentlich etwas ganz anderes: seine Ruhe haben, etwas schlafen, umsorgt werden, ein bisschen mehr fernsehen als sonst, einen Tee ans Bett gebracht bekommen… Stattdessen bürdet Ihr Eurem Kind den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn auf, den der Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung nun mal mit sich bringt – der im Normalfall für Kinder viele positive Effekte hat, aber auch oft körperlich und seelisch anstrengend ist.
Nicht zuletzt freuen sich auch die betroffenen Erwachsenen, wenn nicht nur Egoismus vorherrscht, sondern das Miteinander von gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt ist. Wie schön wäre es, wenn alle da die gleichen Maßstäbe anwenden könnten und man gemeinsam für Einrichtungen sorgt, die Kinder, Eltern, Lehrer und Erzieher gleichermaßen gern und vertrauensvoll besuchen.
Gute Besserung für Euer krankes Kind und Glück auf,

Anna Emscher

Ein Kommentar zu “Brief an die Eltern mit dem kranken Kind

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